Die halbe Stunde vor der Hantel: Was Citrullin, Beta-Alanin und Koffein im Körper wirklich anstellen
Photo: shaker bottle pre-workout supplement gym dumbbells, via m.media-amazon.com
Es ist kurz nach halb sechs, die Hantelbank wartet, und im Umkleideraum wird ein pinkfarbenes Pulver in den Shaker gekippt. Die Zutatenliste liest sich wie ein Chemieladen: Citrullin, Beta-Alanin, Koffein, Tyrosin, Taurin. Doch was passiert in den folgenden dreißig Minuten tatsächlich im Körper – und was davon ist belegte Physiologie, was Marketing?
Koffein: Der verlässliche Klassiker mit Timing-Frage
Koffein ist der einzige Wirkstoff im Pre-Workout-Bereich, dessen Wirkung auf Kraft, Ausdauer und wahrgenommene Anstrengung in Dutzenden Metaanalysen bestätigt wurde. Die wirksame Dosis liegt bei etwa 3 bis 6 mg pro Kilogramm Körpergewicht – für eine 75-Kilo-Person also 225 bis 450 mg. Viele Fertigbooster liefern gerade einmal 150 mg, deutlich unterhalb des relevanten Bereichs.
Interessant ist das Timing: Koffein erreicht nach 30 bis 45 Minuten seinen Plasma-Peak. Wer also sein Getränk erst am Flaschendeckel der Kabinentür austrinkt, verschenkt die erste halbe Stunde der Session. Ideal ist die Einnahme rund 40 Minuten vor Trainingsbeginn.
Citrullin: Der Pump-Kandidat mit Umweg
L-Citrullin selbst ist nicht aktiv – der Körper wandelt es in die Aminosäure L-Arginin um, aus der das Enzym NO-Synthase Stickstoffmonoxid (NO) herstellt. Die Folge: Die Blutgefäße weiten sich, der Blutfluss in die arbeitende Muskulatur steigt. Das spürbare Pump ist real, der messbare Effekt auf die Kraftleistung fällt dagegen moderat aus.
Wichtig ist die Dosis: Studien mit leistungsförderndem Effekt nutzen meist 6 bis 8 g reines L-Citrullin – keine 3 g, wie sie viele Booster enthalten, und schon gar nicht die halbe Portion Citrullin-Malat, die ohnehin nur etwa zur Hälfte aus Citrullin besteht. Auch hier gilt: Die Umwandlung dauert, der Peak liegt erst nach rund 60 Minuten.
Beta-Alanin: Das Kribbeln ist nicht der Effekt
Das bekannte Prickeln auf der Haut (Parästhesie) ist harmlos, aber es ist auch nicht der beabsichtigte Effekt. Beta-Alanin wirkt als Vorstufe von Carnosin, das im Muskel Protonen puffert und die säurebedingte Ermüdung bei Belastungen von 60 Sekunden bis etwa vier Minuten verzögert.
Der Haken: Carnosin speichert sich über Wochen auf. Eine Einzeldosis von 3 bis 5 g vor dem Training bringt akut nichts – die Wirkung entsteht erst durch tägliche Einnahme über mindestens vier bis sechs Wochen. Wer Beta-Alanin also nur an Trainingstagen im Booster findet, zahlt für einen Placebo-Effekt mit Kribbeln.
Was der Rest der Etikette taugt
- L-Tyrosin (1–2 g): Vorstufe von Dopamin; plausibel bei Schlafmangel, sonst kaum Effekt.
- Taurin (1–3 g): Schwache Hinweise auf Ausdauervorteile, Datenlage dünn.
- Alpha-GPC, Huperzin, Cholin: Die Fokus-Claims stammen überwiegend aus Tierstudien oder winzigen Pilotstudien.
- Vitamin-B-Komplexe: Nötig ja, leistungsfördernd bei guter Versorgung nein.
Die günstige Alternative aus dem Einzelkauf
Ein 500-g-Booster kostet in Deutschland schnell 35 bis 50 Euro und reicht für 20 Portionen. Die gleiche Wirkung lässt sich für einen Bruchteil zusammenstellen: Koffein als Tablette (Cent-Artikel aus der Apotheke), L-Citrullin als Pulver in der 500-g-Dose und – wer lange Zeit damit anfängt – Beta-Alanin als tägliches Einzelsupplement. Die Ersparnis liegt bei über zwei Dritteln, bei voller Kontrolle über die Dosen.
Fazit: Drei Zutaten, ein Timing
Wissenschaftlich tragfähig sind vor allem drei Komponenten: Koffein (3–6 mg/kg, 40 Minuten vorher), Citrullin (6–8 g, rund eine Stunde vorher) und Beta-Alanin – allerdings als Dauereinnahme, nicht als Pre-Workout-Kick. Alles andere im Glas ist Deko. Wer seine Session plant wie eine Rezeptur, holt mehr heraus als jedes pinkfarbene Fertigprodukt versprechen kann – und weiß am Ende genau, wofür er zahlt.